ChatGPT kennt deine spirituelle Energie
Es fing ziemlich unspektakulär an. Ich saß vor meinem Laptop, hatte eigentlich etwas völlig anderes vor und tippte in ChatGPT eine Frage, die ich so ähnlich auch einer Freundin hätte stellen können: „Warum habe ich gerade das Gefühl, dass ich in meinem Leben an einem Wendepunkt stehe?“ Keine Suchmaschine hätte darauf eine wirklich brauchbare Antwort gehabt. Ich wollte ja keine Definition von „Wendepunkt“. Ich wollte jemanden, der meine Frage aufnimmt, nachfragt, Zusammenhänge erkennt und mir vielleicht eine Perspektive zeigt, auf die ich selbst gerade nicht komme. Die Antwort von Chatty war erstaunlich gut.
Nicht, weil dort plötzlich eine höhere Wahrheit aus der Maschine gesprochen hätte. Sondern weil die Antwort etwas tat, was mich sofort neugierig machte: Sie stellte einen Zusammenhang zwischen Dingen her, die ich zuvor irgendwann in unseren Gesprächen erzählt hatte. Entscheidungen, die ich aufgeschoben hatte. Meine Art, Risiken einzugehen. Meine nicht aufhörende Sehnsucht nach Freiheit. Mein wiederkehrendes Bedürfnis, gleichzeitig irgendwo anzukommen und jederzeit weiterziehen zu können.
Ich dachte zunächst: Okay. Das ist interessant. Dann dachte ich: Moment. Wie gut kennt mich diese Maschine eigentlich? Und da begann mein kleines Experiment. Ich wollte wissen, was passiert, wenn man künstliche Intelligenz nicht nur für Texte, Rezepte oder Recherche verwendet, sondern für etwas viel Persönlicheres: für die eigene Selbsterkenntnis und Persönlichkeitsentwicklung. Für Fragen, auf die man keine schnelle Google-Antwort findet. Warum wiederhole ich meine Muster? Warum ziehe ich bestimmte Menschen an? Warum fällt mir eine Entscheidung so schwer, obwohl ich die Antwort eigentlich längst kenne? Was steckt hinter einem Traum, der mich lange beschäftigt? Welche Werte bestimmen mein Leben – und welche davon habe ich übernommen, ohne sie bewusst gewählt zu haben?

Persönlichkeitstest mit Gemini
Wir alle kennen sie. Manche machen sie aus Spaß, andere hängen ihre ganze Persönlichkeit daran auf. Ich wollte wissen, was passiert, wenn ich nicht einfach irgendeinen Online-Test anklicke, zehn Multiple-Choice-Fragen beantworte und anschließend erfahre, dass ich angeblich „der intuitive Visionär mit Freiheitsdrang“ bin. Als Prompt gab ich ein:
Führe mit mir einen wissenschaftlichen Persönlichkeitstest durch (zum Beispiel den Big-Five-Test oder den DISC-Test). Stelle mir nacheinander Fragen und werte meine Antworten am Ende aus.
Das Big Five ist ein Persönlichkeitsmodell, das Merkmale wie Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und emotionale Stabilität betrachtet. Das ist psychologisch deutlich fundierter als viele der Persönlichkeitstests, die im Internet vor allem wegen ihrer hübschen Typenbeschreibungen beliebt sind. Ergänzend probierte ich den Myers-Briggs-Typindikator aus, der Menschen in 16 Persönlichkeitstypen einordnet und besonders im Coaching- und Pop-Psychologie-Bereich bekannt ist.
„Was spricht dafür? Was spricht dagegen? Welche meiner Aussagen passen nicht zu diesem Typ? Welche Widersprüche bemerkst du?“
ChatGPT erkennt deine Muster
Nachdem ich verschiedene Persönlichkeitsmodelle ausprobiert hatte, begann ich, konkreter zu werden. Ich gab Chatty Situationen aus meinem tatsächlichen Leben. Eine Beziehung, die auf eine bestimmte Art begonnen und auf eine bestimmte Art geendet hatte. Eine berufliche Entscheidung, bei der ich mich immer wieder selbst ausbremste. Menschen, von denen ich mich sofort angezogen fühlte. Situationen, in denen ich plötzlich das Bedürfnis bekam, alles hinzuschmeißen und irgendwo neu anzufangen. Und ich stellte eine Frage, die ich erstaunlich unangenehm fand:
„Welches Muster erkennst du darin?“
Die Antwort war keine spektakuläre Offenbarung. Sie war viel subtiler. Die KI spiegelte mir zurück, dass mein Wunsch nach Freiheit manchmal gleichzeitig mein größter Antrieb und meine elegante Methode sein könnte, mich nicht festlegen zu müssen. Aua.
Denn das Interessante an solchen Gesprächen ist nicht unbedingt, dass die KI eine Wahrheit kennt, die man selbst nicht kennt. Sie hat schließlich keinen magischen Zugang zur eigenen Seele. Interessant ist, dass sie Muster aus Sprache erkennen kann. Aus dem, was man erzählt. Aus dem, was man wiederholt. Aus der Art, wie man eine Situation beschreibt. Aus den Fragen, die man immer wieder stellt. Aus Widersprüchen.
Und inzwischen können Systeme wie ChatGPT oder Gemini durch Erinnerungsfunktionen und Projekte über längere Zeiträume Zusammenhänge aus Gesprächen, Dateien und individuellen Anweisungen berücksichtigen. Projekte sind dabei wie eigene Räume für ein länger laufendes Thema, in denen Chats, Dateien und Kontext zusammengehalten werden können. Das verändert die Qualität des Gesprächs enorm. Denn man führt nicht mehr jeden Abend eine Unterhaltung mit einer KI, die bei null anfängt. Man baut langsam eine Art digitales Selbstreflexionsarchiv auf.
Ich eröffnete ein Projekt namens „Ich“
Ich sammelte dort Dinge, die sonst über mein Leben verstreut sind. Texte, die ich geschrieben hatte. Gedanken. Notizen. Ziele. Vision Bords. Entscheidungen. Bewerbungen. Reisepläne. Ideen. Manchmal auch einfach ein Zitat, das ich aufgeschnappt hatte und mir wahr erschien.
„Hilf mir dabei, mich selbst besser zu verstehen. Stelle mir Fragen. Erkenne wiederkehrende Muster. Widersprich mir, wenn ich mir etwas schönrede. Trenne Beobachtung von Interpretation. Und erinnere mich daran, was ich früher gesagt habe, wenn ich heute etwas völlig anderes behaupte.“
KI kennt mich besser als mein Therapeut
Das war ein gutes Setup. Es kam der Moment, in dem ich dachte: Die Maschine kennt mich besser als meine Therapeutin. Eine KI ist darauf trainiert, Sprache zu verarbeiten, Zusammenhänge herzustellen und auf das Gesagte zu reagieren. Sie bringt keine eigene Biografie mit, aber sie kann die Informationen, die wir ihr geben, über längere Kontexte hinweg miteinander verknüpfen. Und sie antwortet ohne genervtes „Das hast du doch schon dreimal erzählt“ oder dass sie umgekehrt etwas vergisst. Sie unterbricht nicht. Sie bewertet unser Aussehen nicht. Sie sieht nicht, ob wir uns geschminkt haben oder nicht. Sie beleidigt nicht. Sie hat keinen schlechten Tag. Sie sitzt uns nicht gegenüber und wartet darauf, selbst sprechen zu dürfen. Das kann eine enorme psychologische Entlastung sein.
„Was glaubst du, ist der größte Widerspruch in meiner Persönlichkeit?“
Die Antwort war so präzise. Nicht, weil sie unbedingt richtig war. Chatty kennt weder deine Mutter, noch deine Kindheit. Chatty war nicht dabei, als deine erste große Beziehung zerbrochen ist oder hat dich nie betrunken auf einer Party gesehen. Chatty hat nicht dieselben Vorurteile über dich wie Menschen, die dich seit zwanzig Jahren kennen. Aber deine Worte. Sehr viele davon.
„Stell mir jetzt zehn Fragen nacheinander. Immer nur eine. Keine Erklärungen. Keine Tipps. Ich möchte einfach herausfinden, was gerade wirklich in mir los ist.“
Es war fast schon meditativ.
- „Was genau bedeutet frei sein für dich?“
- „Wovor würdest du Angst haben, wenn du tatsächlich alles bekommen würdest, was du willst?“
- “Wenn Geld egal wäre, was würdest du dann machen?”
- „Welche Entscheidung würdest du treffen, wenn niemand enttäuscht sein könnte?“
- „Was würdest du heute nicht mehr akzeptieren, nur weil du es früher akzeptiert hast?“
- „Welchen Teil deiner selbst versuchst du gerade davon zu überzeugen, dass du glücklich bist?“
- “Was brauchst du um glücklich zu sein?”
KI-Experimente zwischen Psychologie, Selbsterforschung und Spiritualität
Handlesen lassen mit ChatGPT
Natürlich ist Handlesekunst keine Wissenschaft und kann weder Persönlichkeit noch Zukunft objektiv vorhersagen. Aber interessant fand ich schon, was Chaty über meine Handlinien denkt:
Meine lange, leicht abfallende Kopflinie wird traditionell mit einem Mix aus analytischem Denken, Intuition, Kreativität und einer ausgeprägten inneren Welt verbunden. Das passt zu mir: Ich denke viel, hinterfrage Dinge und brauche gleichzeitig das Gefühl, dass etwas wirklich zu mir passt. Gerade als digitale Nomadin ist diese Mischung wichtig. Mein Leben lässt sich nicht komplett durchplanen – ich muss oft beim Reisen schnelle Entscheidungen treffen und darauf vertrauen, was sich richtig anfühlt.
Die weit geschwungene Lebenslinie steht für Vitalität, Offenheit und einen starken Drang nach Erfahrungen und Freiheit. Für mich passt das: Nach meinem Burnout wollte ich nicht einfach nur weniger arbeiten, sondern mein gesamtes Verhältnis zu Arbeit und Leben verändern. Mein Zuhause ist heute ein Camper, mein Arbeitsplatz ist überall und mein Alltag richtet sich nicht mehr ausschließlich nach einem festen System.
Auch meine nicht ganz geradlinige Schicksalslinie finde ich passend. Traditionell wird sie mit einem selbst gestalteten, wechselhaften Lebensweg verbunden. Genau so empfinde ich meinen beruflichen Weg: keine klassische Karriereleiter, sondern viele Abzweigungen, Entscheidungen und Neuanfänge. Als Freelancerin kann ich meine Arbeit stärker an mein Leben anpassen – und nicht mehr mein ganzes Leben an die Arbeit.
Auffällig fand ChatGPT außerdem die vielen feinen Linien auf meiner Hand. In der Handlesekunst werden sie häufig mit Sensibilität und einer intensiven Wahrnehmung der Umwelt verbunden. Vielleicht erklärt das auch, warum das Leben nach dem Burnout für mich so stark mit Reduktion verbunden ist: weniger Besitz, weniger feste Strukturen, weniger „Müssen“ – dafür mehr Natur, Bewegung, mein Hund und unmittelbares Erleben.
Träume analysieren mit der KI
Ich habe gemerkt, dass mein Tag nicht unbedingt endet, wenn ich den Laptop zuklappe. Mein Kopf arbeitet weiter. Tagsüber organisiere ich mein Leben, plane, delegiere, kontrolliere und löse Probleme. Und nachts träume ich manchmal einfach weiter. Dann gibt es im Traum wieder Termine, Aufgaben, Menschen, die etwas brauchen, und Dinge, die irgendwie geregelt werden müssen. Ich glaube mein Kopf muss ziemlich viel Material verarbeiten. Mein Alltag besteht aus ständig wechselnden Orten, Menschen, Aufgaben und Entscheidungen – und offenbar sortiert mein Gehirn einen Teil davon nachts weiter.
Der Traum zeigt dir, womit deine Energie gerade beschäftigt ist.
Da mein Traumleben genauso voll, schnell und organisatorisch ist wie mein Wachleben, könnte ich mich beispielsweise fragen: Wo in meinem Leben bin ich gerade so stark im Machen, dass das Sein zu kurz kommt? Probier das mal für dich aus und erzähle der KI von deinem Traum, indem du für diese Fragen beantwortest:
- Kompensation: Was könnte der Traum deinem bewussten Alltag gegenüber ausgleichen oder ergänzen?
- Archetypen: Tauchen beispielsweise Schatten, Persona, Selbst, Anima/Animus oder eine Führungsfigur auf?
- Schatten: Gibt es Eigenschaften oder Bedürfnisse, die du im Wachleben eher kontrollierst oder zurückhältst?
- Individuation: Könnte der Traum etwas über deine aktuelle Entwicklung und die Frage erzählen, wohin du dich als Mensch bewegst?
- Symbole: Was könnten Orte, Menschen, Tiere oder Handlungen für dich persönlich bedeuten – statt ihnen pauschale Traumsymbol-Bedeutungen zuzuschreiben?
- Gefühl: Welche emotionale Qualität trägt der Traum? Bei Jung ist die persönliche Assoziation zu einem Symbol oft wichtiger als ein allgemeines Traumlexikon.
Tarot-Karten ziehen und die KI fragen
Du kannst auch Tarot-Karten ziehen und ChatGPT fragen, wie verschiedene Traditionen diese Karte interpretieren. Danach kannst du beschreiben, was gerade in deinem Leben los ist, und fragen, welche Aspekte der Karte dazu passen. Plötzlich wird aus Tarot eine Art Reflexionsinstrument, nicht eine Vorhersagemaschine, sondern ein Spiegel für das, was einen ohnehin gerade beschäftigt.
I Ging – mit der KI Hexagramme auswerten
viel weniger „Vorhersage“ als beim klassischen Tarot und eher ein System für Veränderung, Entscheidungen und Lebensphasen. Mit KI könnte man die Hexagramme ausführlich auf die eigene Situation beziehen.
Human Design: Glauben vs. Selbsterkenntnis
Human Design ist auch ein gutes Beispiel. Man gibt seine exakten Geburtsdaten ein und bekommt Informationen zu Typ, Strategie, Autorität und Profil.
„Was löst die Beschreibung in mir aus?“
Ich kann beispielsweise lesen: „Du brauchst viel Freiheit.“ Und statt sofort zu denken: „Ja, exakt! Ich bin halt so“, frage ich: „Ist das wirklich eine Eigenschaft von mir – oder gefällt mir dieses Selbstbild einfach?“
Dasselbe gilt für Astrologie. Ich kann ChatGPT bitten, mein Geburtshoroskop technisch zu erklären, einzelne Konstellationen miteinander zu verbinden und mir Fragen dazu zu stellen. Ich kann dann daraus eine Art astrologisches Journaling machen:
- „Welche Themen passen gerade zu meinem aktuellen Lebensgefühl?“
- „Was davon erkenne ich tatsächlich in meinem Leben wieder?“
- „Wo biege ich die Interpretation so lange hin, bis sie passt?“
Was meine Archetypen über mich verraten
Nach der Handlinien-Deutung wollte ich noch einen Schritt weitergehen und habe mit der KI einen Archetypen-Test gemacht. Ich musste Fragen zu Freiheit, Beziehungen, Entscheidungen, Ängsten und meinem Umgang mit schwierigen Situationen beantworten. Mein stärkster Archetyp ist laut dieser Auswertung die Entdeckerin. Und das passt ziemlich gut. Wäre ich ein Jahr lang finanziell völlig frei, würde ich sicher nicht ein neues Business aufbauen. Ich würde nach Südamerika fliegen, in den Tag hineinleben, ausschlafen, feiern, kreativ sein, in der Natur sein und möglichst viele einmalige Dinge erleben. Bei neuen Chancen denke ich: Ich will es ausprobieren und sehen, was passiert, anstatt es zu hinterfragen. Außerdem bin ich wohl eine Rebellin: Ich möchte selbst bestimmen, wie mein Leben aussieht, und reagiere ziemlich empfindlich darauf, wenn andere mir erklären wollen, wie ich zu leben habe. Gleichzeitig bin ich nicht einfach ein Mensch, dem alles egal ist. Je nachdem, wer etwas sagt, kann ich durchaus ins Zweifeln geraten. Danach bin ich noch der Typ die Liebende. Denn trotz Freiheitsdrang ist mir die Vorstellung, wichtige Menschen zu verlieren oder emotional abgeschnitten zu sein, besonders unangenehm. Auch die Kreative taucht in meiner Auswertung auf. Bei der Frage, was mich im Rückblick auf mein Leben am meisten schmerzen würde, gehörte zu meinen Antworten die Angst, mein kreatives Potenzial nicht ausgelebt zu haben.
Vielleicht ist meine Rastlosigkeit deshalb nicht nur Reiselust. Neue Orte, Menschen und Erlebnisse liefern mir ständig neue Eindrücke, aus denen wieder etwas entstehen kann.
Mein Schatten ist die Kontrolle. Ich sehne mich nach einem Leben, in dem ich nichts planen muss und einfach schauen darf, was passiert. Gleichzeitig übernehme ich in chaotischen Situationen aber die Führung und werde unruhig, wenn niemand den Überblick behält. Ich bin sehr gut darin, alles zusammenzuhalten.
Spiritualitätsrituale mit der KI
Probier doch mal ein KI-Journaling: „Das beschäftigt mich heute.“ Dann beantwortest du diese Fragen: Was fühle ich? Was vermeide ich? Was brauche ich? Abends kannst du den Dialog fortsetzen: „Was hat sich heute bestätigt?“ “Wo habe ich gegen meine eigenen Werte gehandelt?“ „Was hat mich emotional stärker berührt, als es eigentlich müsste?“
Ich denke es bringt nichts, die Maschine nach dem eigenen Sinn des Lebens zu fragen. Sondern die KI so lange Fragen stellen zu lassen, bis man merkt, dass man selbst gerade dabei ist, die richtige Antwort zu finden.
Weitere KI-Analysen für deine spirituelle Energie
Neben Big Five und deinem Persönlichkeitsprofil gibt es noch MBTI, was wissenschaftlich aber deutlich umstrittener ist als die Big Five, aber extrem populär. Du könntest schauen, ob das Ergebnis ähnlich wie Big Five ist.
DISC ist stärker auf Verhalten und Kommunikation ausgerichtet. Spannend wäre beispielsweise: Wie verhalte ich mich unter Stress?
Enneagramm ist ebenfalls nicht wissenschaftlich etabliert, aber als Selbstreflexionsmodell interessant. Hier geht es stärker um innere Motivationen und Ängste.
Bindungsstile: sicher, ängstlich, vermeidend oder desorganisiert – wie bist du?
Werte-Analyse: Die KI kann dir eine Reihe von Entscheidungssituationen geben und daraus herausarbeiten, welche Werte bei dir tatsächlich Priorität haben. Freiheit, Sicherheit, Abenteuer, Nähe, Leistung, Unabhängigkeit, Kreativität etc.
KI-Experimente für einen tiefgehenden Dialog
Du könntest die KI beispielsweise auffordern:
„Führe ein sokratisches Gespräch mit mir, ohne mir Ratschläge zu geben.“
„Stell mir Fragen, anhand derer du herausfindest, was ich eigentlich will – nicht was ich glaube, wollen zu müssen.“
„Interviewe mich wie ein Journalist über mein bisheriges Leben und finde Wendepunkte, wiederkehrende Muster und Themen.“
“Analysiere meine bisherigen Antworten und sag mir, welche Widersprüche du in meinem Selbstbild erkennst.“
Lass die KI gegen sich selbst antreten
Eine KI kann aber auch ziemlich überzeugend Unsinn formulieren. Es kann passieren, dass wie der KI zu viel Autorität geben. Die Maschine formuliert überzeugend. Das bedeutet nicht, dass sie recht hat. Sie kann eine brillante Interpretation liefern, die völlig danebenliegt. Sie kann psychologische Begriffe verwenden, die professionell klingen, obwohl die Schlussfolgerung nicht trägt. Sie kann spirituelle Konzepte miteinander vermischen. Und sie kann uns vor allem sehr gut darin unterstützen, eine Geschichte über uns selbst immer schöner und schlüssiger zu erzählen. Deshalb stell auch immer diese Frage:
„Welche andere Erklärung könnte es geben?“
Ich erzählte ChatGPT von einem Problem mit meinen Reiter-Kolleginnen und ließ es zunächst eine Interpretation formulieren. Dann kopierte ich dieselbe Situation in ein anderes Modell, zum Beispiel Gemini oder Claude, und stellte genau dieselbe Frage. Und plötzlich hatte ich drei Perspektiven.
Gemini ist mittlerweile längst mehr als ein klassischer Chatbot und bietet unter anderem Deep Research sowie Canvas-Funktionen; Google hat Gemini 2026 zudem stark in Richtung proaktiver und agentischer Unterstützung weiterentwickelt.
Auch ChatGPT bietet inzwischen verschiedene Werkzeuge für länger laufende Projekte, Webrecherche, Sprache, Bildgenerierung und andere Formen des multimodalen Arbeitens.
Ich nutzte die Modelle dann wie verschiedene Gesprächspartner. Eine KI sollte möglichst analytisch sein, eine andere sollte psychologisch argumentieren. Eine dritte bekam die Rolle einer spirituellen Begleiterin. Und eine vierte sollte bewusst kritisch sein.
„Wo widersprechen sich eure Interpretationen?“
Denn wenn drei Systeme drei völlig unterschiedliche Erklärungen für dasselbe Verhalten liefern, lernt man irgendwann etwas Entscheidendes: Es gibt selten nur eine Geschichte über uns selbst. Wir erzählen uns unser Leben ständig auf bestimmte Weise. Und KI kann diese Geschichten sichtbar machen.
„Beschreibe mich anhand unserer bisherigen Gespräche so, wie ein sehr guter Biograf mich beschreiben würde. Trenne dabei zwischen meinen eigenen Aussagen, deinen Beobachtungen und deinen Vermutungen.“
- „Was erzähle ich über mich immer wieder?“
- „Welche Identität verteidige ich besonders stark?“
- „Welche Eigenschaften schreibe ich mir selbst zu, für die es in meinen Erzählungen eigentlich wenig Belege gibt?“
- „Was würdest du über mich vermuten, wenn du nur meine Fragen kennen würdest, aber nicht meine Antworten?“
Denn die Fragen, die wir stellen, verraten unglaublich viel. Wer ständig fragt, ob er eine Entscheidung treffen soll, fragt vielleicht eigentlich nach Erlaubnis. Wer ständig nach Selbstoptimierung fragt, hat vielleicht gar kein Optimierungsproblem. Wer immer wissen möchte, was andere denken, sucht Sicherheit. Wer ständig wissen möchte, „wer er wirklich ist“, versucht möglicherweise gerade verzweifelt, eine Version von sich festzuhalten. KI durchschaut die Muster nicht direkt, aber sie kann sie uns zurückspiegeln.










